Den folgenden Bericht habe ich von Elke Langner erhalten. Er wurde geschrieben von ihrem Großvater, JOHANN Heinrich Friedrich Scharnberg, allerdings aus der Sicht eines seiner Söhne, Reinhardt bzw. Walter. Er vermittelt ein anschauliches Bild des Rademacher Handwerks und der Auswege, die die Familie bei einem aussterbenden Beruf suchte und fand.

Von den 7 Generationen der Familie Scharnberg, welche die Trittauer Kirchenbücher nennen, haben nicht weniger als 4 das Rademacher Handwerk ausgeübt. Das entspricht einem Zeitraum von etwa 150 Jahren. Die erste Zeitspanne, in der 2 Vorfahren als Rademacher tätig waren, erstreckte sich auf wenige Jahrzehnte vor 1700 und auch einige nachher. Henrich Scharpenbarg und sein Sohn Hans Henrich Scharenberg, geb. 1693, waren Rademacher in Trittau. Ihr Handwerk stand damals in hohem Ansehen. Auf den Landstraßen herrschte ein starker Verkehr. Ungeheure Frachtwagen schafften die Lasten von einem Ort zum anderen. Bau und Reparatur dieser Wagen brachten Arbeit in Hülle und Fülle. Und gerade die Gegend von Trittau wurde von 3 Hauptlandstraßen gekreuzt: die eine ging von Oldesloe nach Lauenburg, die andere von Lübeck nach Wandsbek und die dritte von Mölln nach Hamburg. Heute noch heißt im Volksmund eine alte Scheune auf der Trittauer Heide „Kreolenstall“. Das Wort kommt von Karriol; denn die Scheune, welche dem Gasthof gehörte, die zugleich Posthalter und Zollstelle war, diente dazu, die Wagen und Pferde bei Rasten und Übernachtungen aufzunehmen. Dann wurde auch oftmals der Rademacher geholt, um eine zerbrochene Deichsel oder Felge auszubessern oder sonst einen Schaden zu beheben. Neben den schweren Frachtfuhrwerken sah man auch häufig Post und Bauernwagen auf den Landstraßen, und so brachte dieser reiche Verkehr dem Handwerk auch reiche Arbeit und guten Verdienst.

Der Sohn und der Enkel von Hans Henrich Scharenberg wandten sich anderen Berufen zu, aber sein Urenkel, mein Urgroßvater Johann Hinrich Marx Scharnberg, errichtete neben dem Haus, das er 1844 in Trittau baute, noch eine Stellmacherwerkstatt und brachte den alten Beruf zu neuem Ansehen. Er hatte 5 Söhne und alle fünf wurden Rademacher. Sie arbeiteten zeitweise mit dem Vater gemeinsam oder sie betätigten sich noch in großen Wagenfabriken Hamburgs und Altonas, z. B. in der Burnsteinschen Fabrik, die 1400 Arbeiter beschäftigte, und in der von Lachs Söhne am Gänsemarkt. Einer von ihnen, mein Großvater Johann Jochim Hinrich Scharnberg, kam auf seiner Wanderschaft durch ganz Deutschland und arbeitete in Hannover, Groß Oschersleben, Posen und Landsberg a. d. Warthe.

Aber in den nächsten Jahrzehnten gingen die Arbeitsmöglichkeiten im Rademachergewerbe zurück. Von 1842 an kamen in Deutschland immer mehr Eisenbahnen in Betrieb, die auch Frachten und Güter beförderten. So verschwanden allmählich die Frachtfuhrwerke von den Straßen und der Verdienst des Stellmachers wurde geringer. In heißen Sommern, wenn die Bauern ihre Wagen in den Dorfteich fuhren, um die Räder vor dem Auseinanderfallen zu schützen, war noch Arbeit in Hülle und Fülle; aber im Winter kamen oft schon flaue Zeiten. Da wurde Holz aufgesägt oder mein Urgroßvater fertigte Massenartikel an, welche schon etwas abseits vom eigentlichen Handwerk lagen. Solche Gebrauchsgegenstände waren Sensenbäume, Spatenstiele, Feuerkieken und Dreschflegel. Sensenbäume und Spatenstiele wanderten dutzendweise in die Geschäfte der benachbarten Städte, meistens nach Bergedorf; die Feuerkieken wurden auf den Jahrmärkten verkauft. Das waren kleine viereckige Kästen, oben mit Löchern versehen und innen mit Blech ausgeschlagen. Es wurden glühende Kohlen hineingelegt, und alte Leute wärmten ihre Füße darauf.

Der Rückgang im Gewerbe beruhte nicht nur darauf, dass weniger Aufträge eingingen, sondern auch, dass die Arbeit schlecht bezahlt wurde. So kam es, dass in diesen Jahren manche nach Amerika auswanderten, um dort bessere Lebensbedingungen zu finden. Von den fünf Söhnen meines Urgroßvaters gingen vier nach Brasilien, und aus einer weiteren Familie folgten noch sechs, welche drüben die Arbeit im Holzgewerbe erfolgreicher betreiben wollten. Sie mussten alle schwer arbeiten; denn die harten tropischen Hölzer machten viel Mühe. Einige von den ausgewanderten kamen zu Wohlstand und Vermögen, andere starben in der Fremde in bitterer Armut. Nachdem 1867 zwei von seinen Brüdern fortgezogen waren, folgte ihnen mein Großvater im Jahre 1869. Er fand zuerst Arbeit bei den Gebrüdern Röhl, in der ersten Wagenfabrik des Landes in Rio de Janeiro, arbeitete dann in Pelotas und schloss sich darauf seinen beiden Brüdern an, mit denen er in dem kleinen Städtchen Alegrete, 100 deutsche Meilen landeinwärts im Staate Rio Grande do Sul, jahrelang zusammenarbeitete. Die drei Gebrüder Scharnberg machten dort mit 5 - 6 Farbigen zusammen alle Arbeiten, die für ihren Beruf in Frage kamen, sowohl die schweren Ochsen-Carretten mit den großen Rädern für die Pampas, als auch die Tischler- und Zimmermannsarbeiten für den Bau neuer Häuser.

Mein Großvater kehrte 1878 nach 9jähriger Abwesenheit in die Heimat zurück, gerade noch rechtzeitig, um seinem alten Vater vor dem Tode Beil und Säge aus der Hand zu nehmen. Er baute 1882 in Trittau eine neue größere Werkstatt, die eine Stätte fleißigen Wirkens wurde. Weithin hallten die schweren Hammerschläge durchs Dorf, mit denen die Speichen aus Eichenholz in die vorher gekochten eichenen Naben getrieben wurden, oder man hörte das Brummen von der Nabendrehbank her, auf der die Naben aus Eiche oder Ulme ihre Rundung bekamen. Es kreischten auch die Löffelbohrer, welche die Löcher in Buchten und Felgen hineintrieben.

Aus dem nahen Wald, der Hahnheide, wanderten die Stämme von Eichen, Buchen, Eschen, Birken, Tannen und Rüstern in die Werkstatt zur Verarbeitung. Mit der breiten Säge wurden sie aufgeschnitten. Oder es kamen auch wohl die Säger aus dem Nachbardorf. Sie bauten ein zwei Meter hohes Gerüst, auf das der Baumstamm gehoben wurde. Dann zersägten ihn 2 Leute, einer unten, einer oben stehend, in mühsamer Arbeit zu Bohlen und Brettern.

Die Arbeitsgeräusche aus der Werkstatt lockten oft Neugierige herbei, die besonders gern der Herstellung eines Rades zusahen. Zuerst wurde die Nabe gedreht. Sie war bei leichteren Rädern aus Ulmen - bei schweren aus Eichenholz. Dann wurden die Löcher für die Speichen hineingebohrt und -gestemmt. Die Eichennaben mussten gekocht werden, um das Holz weich zu machen. Die noch heiße Nabe kam in den Radstock, und es wurden die vorher angefertigten Speichen hineingeschlagen. Dabei musste ein Hilfsmann mit 2 Hebelstangen jede einzelne Speiche halten, damit die in dem richtigen Winkel zu stehen kam. Wenn so alle Speichen eingeschlagen waren, konnten die Felgen aufgemacht werden. Diese waren vorher aus Buchen- oder Eichenholz gesägt und mit Löchern versehen worden. Nachdem sie abgepasst und festgeschlagen waren, mussten sie noch besonders abgeputzt werden. Damit konnte das Rad zum Schmied kommen, der einen Eisenreifen herumlegte und die Nabenringe festband.

Die Rademacherwerkstatt lieferte in erster Linie dem Bauern, was er brauchte: Acker- und Milchwagen, Pflug und Egge. Aber es wurden auch elegante Luxuswagen mit gelben Akazien- und Hickoryspeichen und gebogenen Hickoryfelgen hergestellt. Zuweilen musste ein Rickwagen für die Forstgebiete gearbeitet werden. Der hatte zwei übermannshohe Räder mit schweren Eschenspeichen. Zwischen diesen Rädern hing eine große Zange aus Schmiedeeisen. Damit wurden die Stämme umfasst, und der Wagen schleifte sie aus dem Wald bis auf den nächsten Weg. Auch Schiebkarren kamen in großer Zahl aus der Stellmacherwerkstatt; denn die wurden in jenen Jahren fast in jedem Hause gebraucht. Im Winter wurden auch Schlitten angefertigt.

Aber das Stellmachergewerbe verlor immer mehr an Bedeutung, und die Erwerbsmöglichkeiten wurden immer geringer. Maschinen kamen auf, welche die Herstellung vieler Gegenstände rascher und billiger ermöglichten, und die Bestellungen auf Luxuswagen blieben aus, je mehr das Auto aufkam. Ja, es wurden sogar viele von den Arbeitswagen durch Lastkraftfahrzeuge ersetzt. Auch die Räder erfuhren oft eine Umwandlung: Naben und Speichen bestanden aus Eisen, die Felgen aus Gummi. So hat heute das alte Rademacherhandwerk viel von seiner früheren Notwendigkeit und Bedeutung verloren.

In richtiger Erkenntnis dieser neuen Lage, die er teils miterlebte, teils voraussah, wollte mein Großvater seinen einzigen Sohn nicht Rademacher werden lassen, und so hat mein Vater sich dem Lehrerberuf gewidmet.

Von denen, die nach Brasilien auswanderten und ihren Nachkommen, übt dort keiner mehr das alte Handwerk aus. Zum Teil sattelten die Väter schon um, und einige von  ihren Söhnen zählen heute zu den angesehensten Kaufleuten in Porto Alegre. Nur einer, der jüngste Bruder meines Großvaters, der 1877 auswanderte und drüben als Rademacher, Farmer und Lehrer sich betätigte, greift zuweilen mit seinen 82 Jahren noch nach Säge und Hobel. Von Heimweh und Sehnsucht nach dem alten Beruf getrieben, versucht er sich in Arbeiten, an denen er einst die Kraft seiner Jugend geübt hatte.

Die Werkstatt in Trittau steht heute noch. Noch hängen die schweren Löffelbohrer an den Wänden und Radstock und Hobelbank stehen an alter Stelle. Aber kein Spross ist in der Familie Scharnberg mehr vorhanden, der sie zu neuem Leben erweckt und der dem alten ehrwürdigen Handwerk zu neuem Glanze verhilft.

Tempora mutantur mitunter!

Trittau, den 3. Januar 1943